Der Blog für Pharma und Medizintechnik

Für ein paar Tage durfte ich mich wie eine echte Berühmtheit fühlen. Wildfremde Menschen sprachen mich auf der Straße an. Arbeitskollegen suchten meine Nähe. Der Grund: Ein Gerät an meinem Handgelenk aus „eloxiertem Aluminium“ und „extrem leichtem Ion-X Glas“ sowie mit grasgrünem Sportarmband „für einen aktiven Lifestyle“. Die Rede ist von der neuen Apple Watch, unverbindliche Preisempfehlung 649,-€.

Nach rund einer Woche Test ziehe ich in diesem Artikel eine kurze Bilanz dieser neuen digitalen Erfahrung und beschreibe meine Entzugserscheinungen nachdem ich die Apple Watch wieder abgelegt hatte.

Apple Watch

Was ist der erste Eindruck?

Die Uhr ist sehr schnell betriebsbereit. Koppeln und einrichten dauerten keine 15 Minuten. Das ist super, wenn ich die vielen Kniffe bedenke, die bei vorangegangenen Tests von Android- oder Microsoft-Smartwatches erledigt werden mussten.

Was ist der zweite Eindruck?

Die Standardeinstellungen nerven. Ich habe die Uhr angezogen und hatte gleich danach einen Kundentermin. Nach etwa 45 Minuten gab die Uhr mitten im Meeting ein lautes Klingeln von sich, verbunden mit der Meldung, dass ich doch mal aufstehen solle. Für meine Gesundheit. Sicher gut gemeint, aber so hatte sich die „digitale Gouvernante“ (Zitat der SZ über die Apple Watch) gleich negativ eingeführt.

Was sind coole Features?

Ganz klar die Notifications. Durch ein leichtes Vibrieren am Handgelenk gehen keine Meldungen mehr verloren, auf SMS oder Whatsapp-Nachrichten kann man per Spracheingabe (Siri) antworten. Das funktioniert super und ist eine echte Erleichterung im Alltag (z. B. beim Autofahren).

Was ist verbesserungsfähig?

Eine große Schwäche der Apple Watch ist, dass sie nicht immer die Uhrzeit anzeigt. Man muss die Uhr erstmal streicheln oder das Handgelenk kippen, bevor die Uhrzeit erscheint. Das ist z. B. in einem Meeting sehr ungewohnt und unangenehm.

Ist der Akku wirklich so schlecht?

Der Akku ist ok, muss aber über Nacht geladen werden. Abends stand der Akku meistens bei ca. 33%. Schlaftracking ist also eher nicht empfehlenswert.

Was wären Gründe, um auf die Apple Watch 2 zu warten?

Ich bin mir ziemlich sicher, dass Apple bei der nächsten Ausgabe der Uhr das oben genannte Problem mit der Uhrzeitanzeige lösen wird. Außerdem sollte es kein großes Problem sein, einen GPS-Chip zu integrieren, wodurch die Uhr für Sportler interessanter wird. Und vielleicht wird ja auch das Design ansprechender. Mir persönlich hat der Alu-Klotz an meinem Handgelenk nicht gefallen, Ion-X Glas hin oder her.

Wie schlau ist die Uhr ohne iPhone?

Ohne gekoppeltes iPhone ist die Uhr nicht wirklich brauchbar beziehungsweise kann ihre Mehrwerte nicht ausspielen. Nur das Fitnesstracking (Schritte, Herzfrequenz, …) ist im Offline-Stadium noch gut verwendbar, aber alle Online-Features (Benachrichtigungen ,…) fehlen natürlich. Außerdem macht die Uhr in vielen Bereichen (Kamera, Musik, …) eher den Eindruck einer Fernbedienung fürs iPhone.

Wie gut funktionieren Apps von Drittanbietern?

Naja. Eigentlich funktionieren hier nur Benachrichtigungen gut. Also Push-Notifications (z. B. von Whatsapp, OneFootball, …), die ich sonst auf dem iPhone sehen würde, sehe ich nun auf der Watch. Das ist cool. Aber andere Apple Watch Repräsentanten von bekannten Apps (Fachsprech: „Faces“) sind eher sinnbefreit. Da gibt es z. B. die Twitter-App, die immer nur drei (!) Tweets auf einmal auf die Uhr lädt. Oder die SZ-App, die die Headlines des SZ-Newsfeeds lädt (das ist noch ganz nett) aber den Nutzer bei Klick eines Artikels informiert, dass der markierte Artikel beim nächsten Öffnen der App auf dem iPhone angezeigt werden wird.

Was bedeutet die Apple Watch für die Healthcare-Branche?

Durch die Apple Watch wird es Mainstream, die eigenen Gesundheitsdaten permanent im Blick zu haben. Wissen Sie, wie viele Schritte Sie am Tag zurücklegen? Und wie viele das im Vergleich sind? Wie schaut’s bei Kalorien und Ruhepuls aus? Durch Wearables wie die Apple Watch werden sich diese Daten immer mehr verbreiten und z. B. Eingang in Arztgespräche finden.

Wo ich skeptisch bin, ist die Frage der Gesundheits-Erziehung. Will ich mich wirklich durch meine Uhr ständig daran erinnern lassen, doch mal aufzustehen? Oder ständig dieses schlechte Gewissen haben, wenn ich mal wieder mein Aktivitätsziel verfehlt habe? Ich glaube, dass die Watch eine solche Motivation höchstens unterstützen aber nicht erzeugen kann.

Und fürs Healthcare-Marketing?

Wir Healthcare-Marketing-Profis hören in den letzten Monaten immer häufiger den Satz: „Der Patient steht im Mittelpunkt.“ Die Apple Watch (und andere Wearables) könnte ein Weg sein, um Patienten einzigartige Services und Unterstützung anzubieten, indem z. B. nützliche Apps / Faces für die Apple Watch entwickelt werden (Benachrichtigungen! Adhärenz!) oder indem die Daten, die die Apple Watch erfasst, im Kontext von bestimmten Indikationen speziell aufbereitet, ausgewertet und visualisiert werden. Ein Herzkranker wird ganz anders auf seine getrackten Herzfrequenzen schauen wollen, als es die Health-App von Apple momentan ermöglicht. Da liegt noch viel Potential.

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Welche Entzugserscheinungen hat man nach Ablegen der Uhr?

Erstaunlich wenig. Es fühlt sich aber nun zugegebenermaßen komisch an, das Smartphone erst umständlich aus der Tasche holen zu müssen, um eine Nachricht zu lesen.

Der lustigste Effekt ist, dass ich seit der Apple Watch nicht mehr normal auf die Uhr schauen kann: ich mache immer eine besonders übertriebene Handgelenksbewegung, die eigentlich gar nicht notwendig wäre, da meine gute alte Tissot PRC 200 die Uhrzeit auch so ständig anzeigt.