Adhärenz in Zahlen: großes Problem, großes Potenzial

Non-Adhärenz ist weit verbreitet, ist gefährlich und ist teuer. Das Problem der mangelnden Therapietreue ist bekannt und rückt zunehmend in den Fokus der Verantwortlichen im Gesundheitssystem. Aktuelle Analysen, z. B. von Capgemini oder Booz & Company und Bertelsmann, unterstreichen das große Potenzial Adhärenz-fördernder Maßnahmen – für Patienten, Volkswirtschaft und Pharmaindustrie.

Non-Adhärenz ist weit verbreitet

Nach einem WHO-Report verhalten sich in den entwickelten Ländern nur durchschnittlich 50 % der Patienten mit chronischen Erkrankungen adhärent (WHO 2003). Auch andere Erhebungen kommen zu Zahlen in dieser Größenordnung – wobei es Unterschiede zwischen verschiedenen Erkrankungen gibt:

Balkendiagramm mit Adhärenz-Raten bei verschiedenen Erkrankungen

Adhärenz-Raten bei verschiedenen Erkrankungen in den USA

 

Die Adhärenz der Patienten nimmt im Verlauf der Behandlung immer weiter ab – dies kann je nach Zeitpunkt sehr unterschiedliche Gründe haben:

Gründe der Non-Adhärenz im Therapieverlauf

 

Es gibt eine Vielzahl weiterer Gründe für Non-Adhärenz – eine gute Übersicht hierzu gibt das Schema „5 Dimensionen der Non-Adhärenz“ von der WHO.

Non-Adhärenz ist gefährlich – für die Patienten

Chronisch kranke Menschen, die ihre Therapiepläne nicht befolgen (z. B. Medikamente nicht regelmäßig nehmen) erleiden häufiger akute Komplikationen. Das können z. B. akute Abstoßungsreaktionen bei Organtransplantierten, hypertensive Krisen bei Bluthochdruckpatienten oder akute Schübe bei MS-Patienten sein. Die Komplikationen führen zu häufigeren Krankenhausaufenthalten und verschlechtern auch die langfristige Prognose der Patienten. So haben beispielsweise Nierentransplantierte mit mangelnder Adhärenz ein 7-fach höheres Risiko für einen Transplantatverlust im Vergleich zu therapietreuen Patienten, und 36 % der Transplantatverluste sind auf Non-Adhärenz zurückzuführen (Butler JA et al., Transplantation 2004; 77(5): 769-76).

Non-Adhärenz ist teuer – für uns alle

Die Kosten der Non-Adhärenz werden für das US-amerikanische Gesundheitssystems auf ca. 300 Mrd. Dollar pro Jahr geschätzt. Das sind etwa 13 % der Gesamtkosten des US-Gesundheitssystems (New England Healthcare Institute (NEHI, 2009). Der wesentliche Kostentreiber sind vermeidbare Krankenhausaufenthalte, die mit ca. 100 Mrd. Dollar zu Buche schlagen.

In Deutschland betragen die Kosten der Non-Adhärenz für das Gesundheitssystem ca. 10 Mrd. Euro pro Jahr (ABDA, 2007).

Auch der volkswirtschaftliche Schaden ist enorm. Booz & Company und die Bertelsmann Stiftung haben ihn beispielhaft für fünf weit verbreitete chronische Erkrankungen (Bluthochdruck, Asthma/COPD, chronische Rückenschmerzen, Depression, Gelenkrheumatismus) analysiert: Diese fünf Erkrankungen führen in Deutschland jährlich zu Produktivitätsverlusten zwischen 38 und 75 Mrd. Euro (durch Abwesenheit, eingeschränkte Arbeitsfähigkeit oder Arbeitsunfähigkeit). Durch eine bessere Adhärenz wären wahrscheinlich Produktivitätssteigerungen von 10 bis 20 Mrd. Euro realisierbar. (Bertelsmann Stiftung, 2012)

Das Potenzial ist groß

Das Potenzial von Adhärenz-fördernden Maßnahmen ist also groß – nicht nur für die Gesundheit der Patienten. Auch das Gesundheitssystem und die Volkswirtschaft können durch Kosteneinsparungen profitieren. Und für die Pharmaindustrie bedeutet eine Steigerung der Adhärenz auch eine Steigerung bzw. Sicherung des Umsatzes: Non-Adhärenz führt nämlich langfristig dazu, dass das betreffende Medikament als weniger wirksam bewertet und seltener verschrieben wird. In der Studie von Booz und Bertelsmann werden die möglichen jährlichen Umsatzsteigerungen für die Pharmaindustrie in Deutschland auf 300 bis 400 Mill. Euro im Bereich Bluthochdruck und 200 bis 400 Mill. Euro im Bereich Asthma/COPD geschätzt.

Die Pharmaindustrie hat den Nutzen Adhärenz-fördernder Maßnahmen bereits erkannt: Sie engagiert sich zunehmend mit Patientenbetreuungsprogrammen oder mit Informations- und Service-Angeboten außerhalb von Betreuungsprogrammen. In einer US-amerikanischen Umfrage gaben 69 % der Verantwortlichen aus der Pharmaindustrie an, dass die Bedeutung von Adhärenz-fördernden Maßnahmen in den nächsten 2 bis 5 Jahren noch weiter steigen wird (eyeforpharma, 2012).

Dabei eröffnen digitale Angebote neue Möglichkeiten: Smartphone-Apps, Health Games, Social Media oder Websites gehören zum Tool-Mix und werden entsprechend der jeweiligen Zielgruppe gewählt und gestaltet. Lesen Sie dazu auch unsere Artikel aus der Reihe Digitale Tools zur Steigerung der Adhärenz.

Fazit

Man wird natürlich nie Adhärenz-Raten von 100 % erreichen. Menschen bleiben Menschen und werden auch in Zukunft ‑ versehentlich oder bewusst – Therapieempfehlungen nicht immer folgen. Doch schon wenn es gelingt, nur einen Teil der Patienten zu mehr Adhärenz zu bewegen, hilft man nicht nur den einzelnen Menschen. Das Einsparpotenzial für Gesundheitssystem und Volkswirtschaft ist enorm, und die Umsatzsicherung für die Pharmaindustrie auch nicht zu verachten. Es lohnt sich also für verschiedene Player, wie Kassen, Pharmaindustrie und Arbeitgeber, in Adhärenz-fördernde Maßnahmen zu investieren.

Brian Haynes sagte in einem Cochrane Review: “Increasing the effectiveness of adherence interventions may have a far greater impact on the health of the population than any improvement in specific medical treatments.”

  1. Von > Sofia Wittmann
    am 07.01.13 um 16:19

    Wenn man davon ausgeht, dass die meisten chronisch kranken Menschen älter sind und die Therapie entweder nicht einhalten weil sie a) nicht so viele Tabletten nehmen wollen oder b) demend sind, kann ich mir nicht vorstellen, dass digitale Tools die Therapietreue steigern können. Ich glaube die Grundvoraussetzung ist, dass die Patienten von der Therapie überzeugt sein müssen oder eine Verbesserung der Situation erleben, um eine regelmäßige Einnahme der Medikamente zu erreichen.
    Darum sehe ich den Nutzen solcher Tools eher kritisch, weil es das Grundproblem nicht löst.

    • Von > Dr. med. Susanne Rödel
      am 16.01.13 um 12:37

      Hallo Frau Wittmann, herzlichen Dank für Ihren Kommentar. Natürlich muss man bei der Planung jeder Adhärenz-fördernden Maßnahme genau überlegen, welches Medium und welches Tool, für die Zielgruppe (Art der Erkrankung, Alter, Geschlecht etc.) geeignet ist. Da wir eine Digitalagentur sind, konzentrieren wir uns auf diesen Part, aber natürlich gibt es „offline“ viele weitere Möglichkeiten. Wir würden auch nicht in jedem Fall zu einer digitalen Maßnahme raten. Ich denke aber, dass auch ältere Menschen zunehmend die Scheu vor der digitalen Welt verlieren und die Vorteile schätzen lernen. Wenn man das Angebot auf die Bedürfnisse der Zielgruppe zuschneidet (z. B. einfache Nutzerführung, große Schriftgröße, der Generation entsprechende Bildsprache etc.), kann es auch bei älteren Menschen gut ankommen. Wir haben z. B. ein Hörgerätetraining entwickelt, das die Menschen, die ein neues Gerät kauften, bei sich zuhause am Computer absolvieren konnten: http://www.digitaleshealthcaremarketing.de/hoergeraetetraining-digitale-massnahme-zur-steigerung-der-adhaerenz .

      Es gibt aber auch viele Menschen, die im jüngeren und mittleren Lebensalter chronisch erkranken und für die die Therapietreue sehr wichtig ist, damit die Erkrankung langfristig im Zaum gehalten wird (z. B. Bluterkrankheit, Diabetes, Multiple Sklerose, Krebserkrankungen, rheumatische Erkrankungen uvm). Diese Menschen sind oft berufstätig und spüren phasenweise auch nichts von ihrer Erkrankung. Sie müssen trotzdem regelmäßig Medikamente einnehmen oder andere therapeutische Ratschläge befolgen. Dabei kann man die Betroffenen auch mit digitalen Angeboten unterstützen.

      Ich denke auch, dass es eine Grundvoraussetzung ist, die Therapie und ihren Nutzen zu verstehen (dazu können digitale Angebote beitragen). Oft reicht das Verstehen aber noch nicht aus: Ich selbst habe z. B. (obwohl ich Ärztin bin) Probleme mit der Adhärenz, wenn ich mal über einen gewissen Zeitraum regelmäßig Medikamente einnehmen muss – ohne Reminder bin ich da verloren 😉

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