Patienten holen sich die meisten Gesundheitsinformationen aus dem Web – helfen Sie!

Sie kennen die Situation: Sie kommen in die Arbeit, husten zweimal und schon hat sich um Sie herum eine kleine Selbsthilfegruppe gegründet. Die besorgten Kollegen stellen Diagnosen, ziehen Parallelen zu eigenen Erkrankungen in der Vergangenheit, diskutieren verschiedenste Therapieformen und Medikationen, empfehlen Ärzte und erörtern den Grad der Ansteckungsgefahr. Der Empfänger der gut gemeinten Ratschläge bleibt meist dankbar, aber auch verwirrt zurück.

OK – meine Situationsbeschreibung ist etwas übertrieben, dennoch spiegelt dieses Beispiel ziemlich gut die Erfahrungen einer steigenden Zahl an Patienten wider, die sich in der digitalen Welt auf die Suche nach Gesundheitsinformationen begeben.

Laut der Studie Health Care Monitoring 2009 haben sich im Zeitraum von Oktober 2008 bis Oktober 2009 in Deutschland 79 Prozent der Internetnutzer online über gesundheitliche Themen informiert. Damit lag das Internet als Informationsquelle an erster Stelle noch vor den Ärzten, die mit 72 Prozent folgen. 34 Prozent der Internetnutzer informierten sich regelmäßig und zielgerichtet über Gesundheitsthemen im Netz.

Diese Zahlen mögen auf den ersten Blick den Eindruck vermitteln, dass das Internet dem Arztbesuch den Rang abgelaufen hat – das ist jedoch nicht der Fall. Rund 50 Prozent der Befragten wünschten sich eine unabhängige Instanz, die ihnen die Informationen aus dem Internet bestätigt. Daraus lässt sich eine bedeutsame Verunsicherung der Patienten ableiten – vergleichbar mit dem Gefühl, das sich bei den wohlgemeinten Ratschlägen der Kollegen einstellt.

Dementsprechend sind laut Health Care Monitoring 2009 den Befragten folgende Qualitätskriterien für Gesundheitsportale am wichtigsten: Quellenangaben, ausgewiesene Expertenaussagen und Verweise zu anderen relevanten Informationsquellen. Darüber hinaus spielen Usability sowie nachvollziehbare und umsetzbare Inhalte eine große Rolle.

Was bedeuten diese Ergebnisse für Pharma- und Medizintechnik-Unternehmen, die über digitale Kanäle wie Patientenportale mit ihren Zielgruppen in Kontakt treten wollen?

  1. Das Potential ist riesig: Es gibt laut AGOF mittlerweile über 44 Millionen Internetnutzer in Deutschland, 79 Prozent davon informieren sich online über Gesundheitsthemen. Wo sonst lässt sich eine so breite Zielgruppe direkt erreichen?
  2. Es stellt sich nicht die Frage ob, sondern wann man mitmacht: Egal, ob Sie es wollen oder nicht – jetzt, in diesem Moment, tauschen sich Menschen online über Ihr Unternehmen und Ihre Produkte aus. Nutzen Sie die Chancen, um mit ihnen in Dialog zu treten und seien Sie bereit, Kontrolle abzugeben.
  3. Spielregeln beachten: Es muss auf den ersten Blick ersichtlich sein, wer ein Patientenportal betreibt, wer Fragen beantwortet und Beiträge postet. In diesem Zusammenhang leistet der HONcode als führender Verhaltenskodex für die Veröffentlichung von medizinischen Informationen im Internet eine wichtige Orientierungshilfe (mehr dazu im Artikel von Susanne Rödel). Darüber hinaus gilt es, rechtliche Rahmenbedingungen wie Heilmittelwerbegesetz und Nebenwirkungsmeldepflicht zu beachten.
  4. Hochwertige Inhalte zielgruppenspezifisch aufbereiten: Um Patienten einen echten Mehrwert zu bieten, müssen Sachverhalte didaktisch und multimedial so aufbereitet werden, dass sie für Laien leicht verständlich und nachvollziehbar sind. Darüber hinaus muss die Qualität der Inhalte konstant hoch sein: So gewinnen Patienten Vertrauen in die Kompetenz der Community, und auch Ärzte verweisen Patienten für weiterführende Informationen zunehmend auf Portale, die durch ihren qualitativen Anspruch überzeugen.
  5. Verbündete finden: Das beste Patientenportal verfehlt seine Wirkung, wenn es im Web nicht oder nur schwer auffindbar ist (mehr dazu im Artikel von Heiko Pröger). Die Verlinkung mit Webseiten und Communities, die sich mit komplementären Themen beschäftigen, ist ein Muss. Je besser die Vernetzung einer Seite, desto relevanter wird sie für den Nutzer.

Weiterführende Tipps und Informationen zu Nutzen und Potentialen des Web 2.0 für die Kommunikation mit Patienten finden Sie auch im Artikel „Patienten holen sich Orientierung im Netz“, den ich für die September09-Ausgabe der Fachzeitschrift Healthcare Marketing verfasst habe.

Ich bin überzeugt, dass die Bedeutung und auch die Qualität von medizinischen Informationen im Internet für die Patientenaufklärung weiter rapide zunehmen wird. Dennoch soll und wird das Internet niemals das persönliche Gespräch mit dem Arzt des Vertrauens ersetzen, sondern eine wertvolle Ergänzung darstellen. Und natürlich möchte ich auch nicht auf die Ratschläge meiner Kollegen verzichten, wenn die nächste Erkältung kommt.

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