Wearables im Selbstversuch: Über mögliche Zusatznutzen in der Patientenbetreuung

Die Themen „Quantify yourself“, „Track yourself“ oder „Wearables“ tauchen derzeit an vielen Ecken auf. In diesem Artikel will ich zeigen, welchen Mehrwert die aktuelle Gerätegeneration für Patienten in Studien oder Betreuungsprogrammen bieten könnte.

Das Testobjekt

Ich habe uns dafür das Microsoft Band geholt, ein Gerät, das Ende 2014 in den USA auf den Markt kam und demnächst auch in Deutschland erscheinen wird. Dieses Band habe ich mehreren Leuten in der Agentur für eine Woche zum Tragen gegeben. Es enthält die typischen Fitness Tracker Funktionen, also Pulsmessung, Schrittzähler (Kalorien) und GPS. Darüber hinaus besitzt dieses Band auch ein Display, UV Sensor und eine Bluetooth Verbindung zum Smartphone (Android, iPhone oder Windows Phone).

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Die Erfahrung

Interessant finde ich, dass dieses Band deutlich näher an mich als Person herankommt als ein Smartphone. Das Smartphone ist typischerweise in der Hosentasche, in der Handtasche oder liegt irgendwo in der Nähe herum. Das Band hingegen trage ich 24 h mit direktem Körperkontakt und es ist einfach immer da. Und es ist immer an.

Dadurch kommen Erinnerungen extrem zuverlässig an. Wenn das Band vibriert, dann erreicht mich das zu 100 %, auch wenn ich gerade wirklich mit anderen Dingen beschäftigt bin. Das kleine Display gibt mir zusätzlich die Möglichkeit sofort zu sehen, worum es geht: Ruft jemand an, klingelt ein Wecker, ist es eine Erinnerung an einen Termin …? Und ich kann einen Alarm bestätigen oder wegdrücken, ohne das Smartphone herauszuholen. Das Schöne daran ist, dass es sich auf diese Weise sehr störungsfrei in den Alltag integriert. Die Kombination aus einer Erinnerung, die mich sehr sicher erreicht, und einer Erinnerung, die nicht stört, ist bisher etwas Besonderes, was mir ein Smartphone in der Qualität nicht bietet. Dieser Unterschied mag überschaubar klingen, er wird aber spürbar, wenn man sich nach einigen Tagen an das Band gewöhnt hat. Für mich war es beispielsweise ein beruhigendes Gefühl, mich in Gesprächen voll auf mein Gegenüber konzentrieren zu können, ohne auf die Uhr schauen zu müssen. Denn ich wusste immer, solange an meinem Handgelenk nichts vibriert, habe ich keinen Anschlusstermin. Das Band kommt einem auf diese Art und Weise sehr nahe.

Möglicher Zusatznutzen in der Patientenbetreuung

Aktuell bietet die Software-Infrastruktur bereits wirklich gute Auswertungen für Bewegung, Schlaf und all das. Worin aber könnte der Zusatznutzen für Patienten gegenüber den herkömmlichen Smartphone-Apps liegen?

Zum einen könnte dieses Band einen Mehrwert für z. B. komplexe Pill-Reminder Funktionen bieten. So ließen sich sehr zuverlässige Erinnerungen bauen, etwa für folgenden exemplarischen Einnahmezyklus:

Pilleneinnahme

Eine Einnahme nach dem Schlaf ließe sich gut automatisch triggern. Auch der Trigger „Sie dürfen jetzt essen“ oder eine Anzeige „noch 44 min bis zur Mahlzeit“ wäre möglich. Und wenn ich einmal auf das Band klicke um zu sagen „ich habe gegessen“, ließe sich auch die zweite Einnahme frühestens 2 h nach der Mahlzeit triggern.

Natürlich sind solche Einnahmezyklen auch aktuell mit Smartphones unterstützbar. Meine Hypothese hier ist aber, dass solche Reminder über ein Wearable deutlich länger beim Patienten im Einsatz sein würden, weil die Unterstützung für den Träger stärker automatisiert wäre und die Erfahrung wie oben beschrieben sehr gut in den Alltag integriert wäre. Das wird besonders attraktiv wenn es um enge Wirkspiegel-Bandbreiten und schmale therapeutische Fenster geht.

Neben diesem Szenario gibt es noch eine Reihe weiterer Möglichkeiten, wo die verschiedenen Trackingfunktionen des Bands zum Einsatz kommen, wie z. B. die Sensoren für Herzfrequenz, UV-Licht (Sonneneinstrahlung) oder Bewegung. Ich denke, wir werden die eine oder andere Anwendung in einem Patientenbetreuungsprogramm oder in Studien zu sehen bekommen. Und ich freue mich darauf.

Eine entsprechende Entwicklungsumgebung für solche Anwendungen hat Microsoft Ende Februar 2015 zur Verfügung gestellt. Es darf also nun konzipiert und entwickelt werden.
Eine konzeptionelle Hilfestellung dafür bietet das Paper Behavior Change Techniques Implemented in Electronic Lifestyle Activity Monitors im JMIR.

  1. Von > Florian
    am 27.03.15 um 12:32

    Danke für den interessanten Artikel. Ich teile die Ansicht, dass mit einem Fitnessarmband oder Wearable wie es so schön heißt, ganz andere Anwendungsfälle möglich sind, als es mit dem Smartphone bisher möglich war. Gerade der Faktor „Immer-Dabei“ wird Bereiche erschließen, die mit dem Smartphone nicht möglich waren. Zugegeben, ich habe mein Smartphone auch immer „dabei“, aber nicht immer am Körper. Gerade für Patienten und im Pflegeumfeld ergeben sich wohl künftig viele, viele Möglichkeiten.

  2. Von > Juri
    am 27.06.15 um 18:10

    Finde Fitness Tracker wirklich klasse! Hab selbst einen von Polar. Jedoch muss ich zugeben, seit ich eine Smartwatch habe, nutze ich den Tracker wirklich kaum mehr. Die Handyuhr kann einfach alles was ein Tracker kann und sogar noch viel mehr. Meiner Meinung nach wird die Smartwatch den Fitness Tracker nach und nach ersetzen.

    Just my five cents!

  3. Von > Stefan
    am 27.09.15 um 17:41

    Toller Artikel! Super, vielen Dank. Ich konnte sehr viele interessante Aspekte mitnehmen. LG Stefan

  4. Von > Nadine
    am 18.04.16 um 12:38

    Sehr schöner Artikel! Ich denke Fitnessarmbänder und SmartWatches nehmen sich auf lange Sicht nicht mehr viel. Die Funktionen eines FItnessarmbands werden immer breiter und mehr. Lediglich an der Programmierbarkeit wie beim Microsoft Band harperts dann, allerdings sind die ja auch für eine andere Zielgruppe bestimmt. Was den Healthcare Gedanken angeht hast du auch vollkommen recht. Nicht umsonst steuern einige Krankenkassen etwas zum Schrittzähler oder FItnessarmband dazu!
    Lieben Gruß 🙂

  5. am 27.04.16 um 10:12

    Herzlichen Dank für Ihren Artikel.
    Ich finde die von Ihnen beschriebenen Anwendungsmöglichkeiten für Wearables sehr vielversprechend. Aktuell ist es ja noch häufig so, das z.B. die Erinnerungsfunktionen der Wearables auf einer aktiven Verbindung zum Smartphone basieren. Vielleicht werden die Armbänder ja mit einer weiteren Entwicklung autarker – das würde bei der Erfüllung der von Ihnen angesprochenen Funktionen helfen, weil manche Menschen nicht ständig das Smartphone bei sich haben (oder vielleicht der Akku leer ist), das Armband aber – wie Sie schreiben – näher an der Person dran ist als das Smartphone.
    Ich denke, dass das Potential dieser Armbänder gerade im Healthcare-Bereich bei Weitem noch nicht ausgeschöpft ist.
    Viele Grüße!

  6. Von > Jürgen
    am 15.11.16 um 18:35

    Sehr schöner Artikel.

    Ich bin ganz ihrer Meinung, wenn es um die vielfältigen Anwednungsmöglichkeiten von Wearables geht. Auch wenn ich die Schlaftrackingfunktion sehr nützlich und interessant finde, nutzte ich Sie nicht, da ich nicht so gerne mit etwas am Handgelenk schlafe. (1. Nerviges Gefühl und 2. Strahlen, etc). Die Benachrichtigungen direkt am Handgelenk finde ich persönlich eine sehr tolle Sache.

  7. Von > Armin
    am 12.07.17 um 09:29

    Ich schließe mich meinen Vorrednern an. Toller Artikel 🙂

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